Hafen Hamburg global vernetzt

15. Januar 2026

Jens Meier ist seit 2008 Geschäftsführer der Hamburg Port Authority (HPA). Im Gespräch mit HHM-Vorstand Axel Mattern berichtet er über die Rolle des Hamburger Hafens, wichtige Zukunftsthemen sowie Anforderungen an Resilienz und Sicherheit.

 

Autoren: Mathias Schulz and Axel Mattern

POHM: Die Umschlagzahlen entwickeln sich aktuell positiv. Wie zufrieden sind Sie mit der allgemeinen Entwicklung des Hafens – insbesondere hinsichtlich aktueller Projekte und der Zukunftsfähigkeit?

Jens Meier: Der Hamburger Hafen sichert als europäisches Drehkreuz und leistungsfähige Schnittstelle zu den internationalen maritimen Handelswegen eine Vielzahl von Arbeitsplätzen. Er erbringt außerdem einen erheblichen Wertschöpfungsbeitrag – regional, national und auf europäischer Ebene. Ich sehe die aktuelle Entwicklung des Hafens sehr positiv. Die Umschlagzahlen zeigen, dass sich der Markt stabilisiert und Hamburg als leistungsfähiger Universalhafen in Europa weiterhin gefragt ist.

Mit den Reedereien Hapag-Lloyd, MSC, Grimaldi, COSCO und jetzt auch CMA CGM haben wir starke Partner mit aktiven Beteiligungen im Hamburger Hafen. Nach der Übernahme der Werft Blohm+Voss hat der Rüstungskonzern Rheinmetall angekündigt, bei uns in Hamburg den Marineschiffbau auszubauen. Schlüsselprojekte wie die Transformation Waltershofer Hafen, mit der wir die Leistungsfähigkeit des Hafens steigern werden, oder die Westumfahrung Alte Süderelbe (WASE) sowie der Landstromausbau, der bereits weit vorangeschritten ist, sichern langfristig die Wettbewerbsfähigkeit. Und mit dem Bau der neuen Köhlbrandbrücke und der Unterstützung des Bundes bei der Realisierung der A26 tragen wir dazu bei, Redundanzen zu schaffen. Das ist wichtig, denn Resilienz braucht Redundanz.

Der Hamburger Hafen gilt als hoch digitalisiert. Wie verändert diese digitale Transformation die Anforderungen an die Cybersicherheit?

Mit der fortschreitenden Digitalisierung steigt die Komplexität unserer Systeme – und damit auch die potenzielle Angriffsfläche. Automatisierte Terminals, vernetzte Logistikketten, Internet of Things (IoT)-Sensorik, digitale Verkehrssteuerung – all das verlangt deutlich höhere Sicherheitsstandards. Cybersicherheit ist heute ein integraler Bestandteil des Hafenbetriebs. Wir investieren deshalb in moderne Security-Architekturen, Echtzeitmonitoring und robuste Notfallkonzepte, um den Hafen auch im digitalen Raum sicher zu betreiben.

„Mit der fortschreitenden

Digitalisierung steigt die

Komplexität unserer Systeme –

und damit auch die potenzielle Angriffsfläche."

Cyberangriffe machen längst nicht mehr an Grenzen halt. Welche Rolle spielen internationale Kooperationen, insbesondere auch in Europa, beim Schutz kritischer Hafeninfrastruktur?

Häfen sind global vernetzt – Cyberbedrohungen ebenfalls. Deshalb brauchen wir europäische und internationale Partnerschaften. Wir arbeiten eng mit anderen großen Häfen zusammen. Gemeinsame Standards und der Austausch über konkrete Vorfälle erhöhen die Resilienz im gesamten Hafenverbund. Keine Hafenbehörde kann diese Aufgaben allein bewältigen.

Wie gelingt der Balanceakt zwischen Offenheit für Innovation, wie etwa Automatisierung oder KI-Systeme, und dem notwendigen Schutz vor externen Angriffen?

Innovation und Sicherheit sind für mich kein Widerspruch, sondern bedingen einander sogar. Neue Technologien wie künstliche Intelligenz (KI), autonomes Fahren im Hafengebiet oder digitalisierte Verkehrssteuerung setzen voraus, dass wir ein hohes Sicherheitsniveau gewährleisten. Gleichzeitig nutzen wir moderne Technologien, um Sicherheitsrisiken früher zu erkennen. Entscheidend sind ein ausgewogenes Risikomanagement und das Bewusstsein für potenzielle Gefahren. Wir haben damit bereits vor vielen Jahren – also rechtzeitig – angefangen, und wir kümmern uns auch weiter um das digitale Vertrauen – „Digital Trust“ – bei der HPA.

Sie sind gerade für eine weitere Periode zum Präsidenten der IAPH gewählt worden. Welche Akzente möchten Sie in den nächsten Jahren setzen?

Ich möchte die Internationale Vereinigung der Seehäfen (IAPH) weiter als globale Plattform für nachhaltige, resiliente und digital vernetzte Häfen stärken. Zentrale Themen der kommenden Jahre sind Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Resilienz. Dabei steht für mich alles unter dem Motto „Don’t forget the people“. Jede neue Technologie ist nutzlos, wenn wir unsere Mitarbeitenden nicht befähigen, sie sinnvoll zu nutzen. Wir werden uns daher auch verstärkt um die Ausbildung kümmern

Der Wettbewerb zwischen Hafenstandorten ist stark. Wie kann man trotz Konkurrenz im IAPH-Kontext gemeinsame Strategien entwickeln?

Häfen stehen im Wettbewerb, aber sie teilen dieselben Herausforderungen: Dekarbonisierung, Digitalisierung, Resilienz, Fachkräftemangel. Im IAPH-Kontext schaffen wir einen Raum, in dem wir voneinander lernen, Best Practices entwickeln und internationale Rahmenbedingungen mitgestalten. Wettbewerb bleibt, aber gemeinsame Standards und verlässliche Prozesse stärken am Ende alle Beteiligten.

Welche Rolle kann Hamburg als europäischer Hub- Hafen im globalen Dialog der Häfen übernehmen?

Hamburg ist als großer europäischer Hub-Hafen naturgemäß eine Schnittstelle zwischen Nord- und Mitteleuropa und den globalen Märkten. Wir bringen unsere Erfahrungen aus Digitalisierung, nachhaltiger Infrastrukturplanung und Hafenmanagement in den internationalen Austausch ein. Hamburg kann hier eine moderierende, impulsgebende Vorreiterrolle einnehmen – besonders bei Zukunftsthemen wie grüner Energie, smartPort-Anwendungen oder Cyberresilienz.

Im europäischen Kontext entscheidet nicht nur der Hafen, sondern vor allem die Anbindung ins Hinterland über Wettbewerbsfähigkeit. Wo stehen Hamburg und Deutschland aktuell? Welche Investitionen sind in naher Zukunft nötig?

Hamburg verfügt über eine exzellente Hinterlandanbindung, insbesondere auf der Schiene. Deutschland steht jedoch vor der Herausforderung, Engpässe im Schienennetz schneller zu beseitigen. Für die nächsten Jahre sind Investitionen in die Digitalisierung der Leit- und Sicherungstechnik, mehr Kapazität auf Schlüsselstrecken und den Ausbau trimodaler Knotenpunkte entscheidend.

„In den nächsten Jahren

werden vor allem digitale Vernetzung,

KI und digitale Zwillinge das

Zusammenspiel von Hafen und

Hinterland prägen."

Wie verändert der zunehmende Schienengüterverkehr die Rolle Hamburgs im europäischen Logistiknetz?

Der Anteil des Schienengüterverkehrs im Hamburger Hafen ist schon heute europaweit führend – und er wird weiter steigen. Das stärkt Hamburg, weil nachhaltige, zuverlässige Hinterlandwege immer wichtiger werden. Die Rolle des Hafens verschiebt sich damit stärker vom reinen Umschlagplatz hin zu einem intermodalen Knotenpunkt, der die Lieferketten der europäischen Industrie stabilisiert.

Ein Blick in die Zukunft: Welche technologischen Entwicklungen spielen in den nächsten fünf bis zehn Jahren die größte Rolle für das Zusammenspiel zwischen Hafen und Hinterland?

In den nächsten Jahren werden vor allem digitale Vernetzung, KI und digitale Zwillinge das Zusammenspiel von Hafen und Hinterland prägen, weil sie Abläufe synchronisieren und Störungen frühzeitig sichtbar machen. Gleichzeitig werden automatisierte und elektrifizierte Transportmittel auf Straße und Schiene die Hinterlandlogistik hin zu mehr Effizienz und Kapazität verändern. Außerdem entstehen durch alternative Energieträger neue Infrastrukturknoten, wodurch Häfen zu zentralen Energie- und Logistikhubs der Region werden.

Was begeistert Sie persönlich an Ihrer Arbeit in einer Zeit, in der europäische Logistik herausfordernder, aber auch spannender denn je wird?

Wir stehen tatsächlich vor herausfordernden Zeiten. Ein Hafen, der in dieser neuen Realität bestehen will, braucht nicht nur mehr Kapazität, er braucht mehr Resilienz. Wir treffen heute – gemeinsam mit unseren Freunden und Partnern - Entscheidungen, deren Wirkung wir erst in zehn oder zwanzig Jahren sehen. Damit schaffen wir die Enkelfähigkeit. Daran gemeinsam mit unseren Kolleginnen und Kollegen mitzuwirken ist meine Begeisterung und mein täglicher Antrieb. Denn Häfen mit Visionen gewinnen Märkte. Häfen ohne Visionen werden sie verlieren.